Presseinformation Nr. 21/2019 des JKI vom 05.06.2019: Die wilde Verwandtschaft von Sellerie in ihrem natürlichen Lebensraum erhalten: Erstes Netzwerk genetischer Erhaltungsgebiete steht.

2019-06-07

(Quedlinburg) In Deutschland wachsen viele Wildpflanzenarten, die mit unseren Kulturpflanzen verwandt sind. In ihnen schlummern Gene, die morgen für die züchterische Verbesserung unserer Nahrungspflanzen relevant werden könnten. Genau aus diesem Grunde sind sie schützenswert. Zudem ist der Erhalt der Artenvielfalt per se ein wichtiges gesellschaftliches Ziel. Deshalb sei es nur folgerichtig, dass Naturschutz und Landwirtschaft beim Erhalt dieser genetischen Ressourcen zusammenarbeiten, betonte Dr. Eva Ursula Müller vom BMEL in ihrem Grußwort an die gut 60 Teilnehmer der Tagung, die gestern (4.6.) am Julius Kühn-Institut in Quedlinburg begann. Die Tagung ist gleichzeitig der Startschuss für das erste Netzwerk genetischer Erhaltungsgebiete, das Netzwerk Wildsellerie. Mit der Einrichtung dieses ersten Netzwerks ist Deutschland Vorreiter in Europa. Der Sellerie ist seinerseits Vorreiter für weitere Erhaltungsnetzwerke, etwa für die Wildrebe.

In den vergangenen drei Jahren untersuchten Forschungsteams des Julius Kühn-Instituts, der Universität Osnabrück und der Humboldt-Universität zu Berlin im Projekt „GE-Sell“ die genetische Vielfalt von Wildsellerievorkommen in Deutschland. Sie fanden 55 Pflanzenbestände, die in ihrer Gesamtheit die Formenvielfalt der Wildselleriearten repräsentieren. 45 dieser Pflanzenbestände bilden nun das Netzwerk genetischer Erhaltungsgebiete Wildsellerie (https://netzwerk-wildsellerie.julius-kuehn.de/). „So wird sichergestellt, dass die innerartliche Vielfalt bewahrt wird“, sagt Projektleiter Dr. Lothar Frese vom JKI.  Die natürlichen Habitate, in denen die Wildselleriearten vorkommen, befinden sich oft in ausgewiesenen Naturschutzgebieten oder auf Privatbesitz.  „Daher war es für das Gelingen des Unterfangens essenziell, die Akteure vor Ort mit einzubeziehen, sie für die Einzigartigkeit des Vorkommens zu sensibilisieren und als Partner zu gewinnen,“ erklärt Dr. Frese.

Um diese Partnerschaften vor Ort zu würdigen, wurden im feierlichen Rahmen der Tagung für die Einrichtung der ersten fünf genetischen Erhaltungsgebiete Urkunden an die Betreuer der Gebiete übergeben.  Die Vorkommen liegen bei Sülldorf in Sachsen-Anhalt, an der Müritz in Mecklenburg-Vorpommern, im niedersächsischen Entenfang bei Celle, am Hohennauener See in Brandenburg und im NSG „Venne“ im Münsterland. Die Partner, wie etwa NABU-Gruppen pflegen die Habitate und haben ein Auge darauf, dass es den „Wilden“ bei ihnen weiterhin gut geht. Genetische Erhaltungsgebiete sind ein Modul, mit dem Landwirtschaft und Naturschutz zusammen Wildpflanzen in situ erhalten können.

Hintergrundinformation:

Am 4. und 5. Juni 2019 veranstalteten das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), das Julius-Kühn-Institut (JKI), das Bundesamt für Naturschutz (BfN) sowie weitere Partner die Fachtagung „Genetische Erhaltungsgebiete für Wildpflanzen für Ernährung und Landwirtschaft – ein neues Modul zur Stärkung des Artenschutzes” am JKI in Quedlinburg.

Das BMEL fördert über die BLE das Modell- und Demonstrationsvorhaben „Genetische Erhaltungsgebiete für Wildselleriearten als Bestandteil eines Netzwerkes genetischer Erhaltungsgebiete in Deutschland“ mit rund 960.000 Euro. Das JKI koordiniert dieses Projekt, das noch bis November 2019 läuft.

Folgende Institutionen bzw. ihre Vertreter aus den Erhaltungsgebieten erhielten am 4.6. ihre Urkunde:

 

  • Genetisches Erhaltungsgebiet für Apium graveolens subsp. graveolens bei Sülldorf

Naturschutzfachliche Unterstützer = Landkreis Börde, Untere Naturschutzbehörde (vertreten durch Dr. Anne Hochbach) und Landschaftspflegeverband „Grüne Umwelt e. V.“ (vertreten durch Sascha Ritter)

 

  • Genetisches Erhaltungsgebiet für Helosciadium repens (L.) W. D. J. Koch am Hohennauener See

Naturschutzfachlicher Unterstützer= NABU Regionalverband Westhavelland e. V. (vertreten durch Rene Riep)

 

  • Genetisches Erhaltungsgebiet für Helosciadium repens (L.) W. D. J. Koch auf dem Großen Schwerin an der Müritz

Eigentümer und naturschutzfachlicher Unterstützer= Stiftung Umwelt- und Naturschutz Mecklenburg-Vorpommern (vertreten durch Maria John)

 

  • Genetisches Erhaltungsgebiet für Helosciadium inundatum (L.) W. D. J. Koch im NSG „Venne“

Naturschutzfachlicher Unterstützer= NABU-Naturschutzstation Münsterland (vertreten durch Dr. Thomas Hövelmann)

 

  • Genetisches Erhaltungsgebiet für Helosciadium inundatum (L.) W. D. J. Koch in Entenfang bei Celle

Eigentümerin und Unterstützerin= Dr. Iris Barckhausen

Mit der Unterzeichnung des Internationalen Saatgutvertrages und des Übereinkommens über die Biologische Vielfalt hat sich Deutschland verpflichtet, Wildpflanzen für Ernährung und Landwirtschaft in situ, am Ort ihres Vorkommens, zu erhalten. Das BMEL hat dies im Nationalen Fachprogramm für pflanzengenetische Ressourcen als Handlungsbedarf aufgenommen und arbeitet derzeit daran, ein solches Netzwerk zu etablieren. Ein Teilnetzwerk für artenreiches Grünland ist ebenfalls im Aufbau begriffen, für Wildrebe und Wildobst sind weitere geplant. Die Gesamtkoordination des Netzwerkes genetischer Erhaltungsgebiete in Deutschland liegt beim Informations- und Koordinationszentrum für Biologische Vielfalt (IBV) in der BLE siehe https://genres.de/fachportale/kultur-und-wildpflanzen/in-situ-erhaltung/

 

Wissenschaftlicher Ansprechpartner:

Dr. Lothar Frese
Julius Kühn-Institut, Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen
Erwin-Baur-Str. 27, 06484 Quedlinburg
Tel: 03946 47-701
E-Mail: lothar.frese@julius-kuehn.de