Ökologische Vorrangflächen fördern Kulturlandvögel

Simon Birrer, Markus Jenny, Fränzi Korner-Nievergelt, Kim Meichtry-Stier, Lukas Pfiffner, Judith Zellweger-Fischer, Jean-Luc Zollinger

Abstract


Der Rückgang der Biodiversität im Kulturland ist in weiten Teilen Europas ein dringendes Problem. Ein Lösungsvorschlag geht dahin, von den Landwirten zu verlangen, dass sie ökologische Vorrangflächen anlegen. In der EU wird diskutiert wie hoch der Anteil solcher Vorrangflächen sein sollte und welche Qualität sie aufweisen müssten. In der Schweiz sind ökologische Vorrangflächen seit 15 Jahren Pflicht und damit Gegenstand diverser Forschungsarbeiten. Der Artikel fasst einige aktuelle Arbeiten der Schweizerischen Vogelwarte Sempach zum Thema „Effekte ökologischer Vorrangflächen auf die Kulturlandvögel“ in Form eines „Werkstattberichtes“ zusammen.

Trotz eines durchschnittlichen Anteils ökologischer Vorrangflächen an der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Tallagen der Schweiz von 9,5% liess sich bisher auf nationaler Ebene keine substanzielle Verbesserung der Bestandssituation von typischen Arten des Landwirtschaftsgebietes feststellen. Untersuchungen zeigen, dass neben der Quantität vor allem die ökologische Qualität der Vorrangflächen für das Vorkommen zahlreicher Vogelarten entscheidend ist. Ein wichtiger Aspekt für die Vögel ist dabei die Erreichbarkeit der Nahrung. Lückige Vegetation ist diesbezüglich ein wichtiger Faktor ebenso wie die Sukzession. So ist die Dichte einiger Feldvogelarten in vier- bis sechsjährigen Buntbrachen (Blühstreifen, -flächen) am höchsten.

Mehrere Fallbeispiele dokumentieren, dass sich die Bestände einiger Feldvogelarten mit qualitativ wertvollen ökologischen Vorrangflächen fördern lassen. Aufgrund von statistischen Modellen kann abgeschätzt werden, dass in Ackerbaugebieten rund 14 % hochwertige Lebensräume (Vorrangflächen mit Qualität, naturnahe Lebensräume außerhalb der landwirtschaftlichen Nutzfläche) notwendig sind, um die Bestände von standorttypischen Vogelarten auf beachtliche Siedlungsdichten ansteigen zu lassen.

Die Landwirte spielen bei der Umsetzung von Aufwertungsmaßnahmen die zentrale Rolle. Wir konnten zeigen, dass Landwirte, die eine gesamtbetriebliche Beratung erhalten haben, mehr Leistung für die Biodiversität erbringen. Die 24 im Rahmen eines Projektes beratenen Landwirte stimmten zu, den Anteil von Vorrangflächen mit Qualität auf ihren Betrieben von 3,3 auf 8,7 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche zu steigern.

Im selben Projekt wurde ein Instrument entwickelt, mit welchem die verschiedenen Maßnahmen zur Lebensraumaufwertung mit Punkten bewertet werden. Eine Erfolgskontrolle auf 133 Betrieben zeigt, dass sich dieses Bewertungsinstrument sehr gut eignet, um die Leistung von landwirtschaftlichen Betrieben zugunsten der Biodiversität objektiv abzubilden.

In der Schweiz werden naturnah und umweltfreundlich produzierte Labelprodukte stark nachgefragt. Die Vereinigung der integriert produzierenden Landwirte (IP-Suisse) setzt stark auf die Förderung der Biodiversität und verlangt von ihren Labelproduzenten eine bestimmte Leistung im Bereich Biodiversität. Diese wird mit dem oben erwähnten Punktsystem gemessen. Biodiversität wird damit zu einem Mehrwert, der über höhere Produzentenpreise in Wert gesetzt werden kann.

Stichwörter: ökologische Vorrangflächen, Quantität, ökologische Qualität, Biodiversität, Brutvögel des Kulturlandes

Ecological compensation areas promote farmlandbirds

Abstract

Over large parts of Europe, biodiversity loss on farmland is an urgent problem. A suggested answer is to demand from farmers to implement ecological focus areas. Within the EU it is discussed how high the proportion of such ecological focus areas should be and of which quality they have to be. In Switzerland, since 15 years ecological focus areas are mandatory and the topic of several research projects. As a “report on work in progress”, this article outlines some current studies of the Swiss Ornithological Institute on the subject “Effects of ecological focus areas on agricultural birds”.

The mean proportion of ecological focus areas on the utilised agricultural area in the Swiss lowland is 9.5%. Nevertheless, no substantial improvement of population sizes of typical farmland species is seen on a national scale. Research shows that, besides quantity, mainly the ecological quality of the focus areas is essential for the occurrence of many bird species. Thereby, the accessibility of food is an important factor for birds. Sparse vegetation as well as succession play a key role. For example, densities of some farmland bird species are highest in four to six year old wildflower areas/strips.

Several case studies show that populations of some farmland bird species benefi t from focus areas of high ecological quality. Based on statistical models, about 14% of high value habitat (focus areas with high ecological quality, semi-natural habitat outside the utilised agricultural area) is necessary in Swiss arable regions to increase populations of typical bird species to considerable densities.

Farmers play a decisive role for the realisation of options promoting biodiversity. We could show that farmers, who got an advisory service providing whole-farm solutions optimising ecological and economic aspects, increase their biodiversity performance. The 24 advised farmers in the project agreed to increase the proportion of focus areas with high quality on their farms from 3.3% to 8.7% of the utilised agricultural area.

Within the same project a tool was developed that is used to score the different options promoting biodiversity. An evaluation of this credit-point-system on 133 farms shows that the point score is an adequate and objective proxy for the biodiversity performance of farms.

In Switzerland, there is a strong demand for ecological and environmental friendly produced label products. The Swiss organisation for integrated farming (IP-Suisse) focuses on the promotion of biodiversity and demands a certain ecological performance from all its producers, which is measured with the above-mentioned credit-point -system. Thus, biodiversity is an added value that can be turned into fi nancial benefi t for producers by higher prices.

Keywords: ecological focus area, quality, quantity, biodiversity


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DOI: http://dx.doi.org/10.5073/jka.2013.442.012

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