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Editorial

Pflanzengesundheit im internationalen Fokus

Bernhard Carl Schäfer
Affiliation
Julius Kühn-Institut (JKI) – Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, Institut für nationale und internationale Angelegenheiten der Pflanzengesundheit, Braunschweig

Journal für Kulturpflanzen, 72 (8). S. 341–342, 2020, ISSN 1867-0911, DOI: 10.5073/JfK.2020.08.01, Verlag Eugen Ulmer KG, Stuttgart

Kontaktanschrift
Dr. Bernhard Carl Schäfer, Julius Kühn-Institut (JKI) – Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, Institut für nationale und internationale Angelegenheiten der Pflanzengesundheit, Messeweg 11/12, 38104 Braunschweig, E-Mail: bernhard.carl.schaefer@julius-kuehn.de
Zur Veröffentlichung angenommen
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Inhaltsverzeichnis

Ein u.a. aus der chinesischen Provinz Hubei (Hauptstadt Wuhan) stammender Schadorganismus gelangt nach Europa und Nordamerika. In der Lombardei und in der Millionenstadt New York kann er sich trotz vielfältiger Gegenmaßnahmen festsetzen – mit gravierenden und sehr kostspieligen Folgen. Auch in Deutschland tritt der Schadorganismus auf.* Hier greift ein Notfallplan des JKI aus dem Jahr 2016. Ausbrüche bleiben regional begrenzt oder können sogar wieder ausgerottet werden. Erfolge sind vor allem dort zu verzeichnen, wo das Auftreten frühzeitig erkannt wird und Maßnahmen konsequent umgesetzt werden – teilweise auch gegen Widerstände aus der Bevölkerung. Die Parallelen zur Erkrankung SARS-CoV-2 sind frappierend, auch wenn sich ethisch eine vergleichende Bewertung der Folgen aufgrund des vielschichtigen und unsäglichen Leids verbietet, das das Corona-Virus ausgelöst hat. Bei dem hier beschriebenen Schadorganismus handelt es sich um den Asiatischen Laubholzbockkäfer (Anoplophora glabripennis), der anders als die heimischen Bockkäferarten überwiegend gesunde Gehölze befällt, deswegen weltweit zu den schädlichsten invasiven Arten gezählt und von der EU als sogenannter „Prioritärer Schädling“ gelistet wird.

Die Corona-Krise des Jahres 2020 hat in bis dahin nicht bekannter Form einer breiten Öffentlichkeit deutlich werden lassen, dass die Globalisierung mit der Interna­tionalisierung des Personenverkehrs und der Warenströme neben vielen Vorteilen auch gravierende Risiken beinhaltet. Die phytomedizinische Disziplin der Pflanzengesundheit war sich dessen immer bewusst und hat schon Mitte des 20. Jahrhunderts ein erstes globales Regel­werk erarbeitet, das am 06.12.1951 abgeschlossen wurde. So heißt es im Internationalen Pflanzenschutz­abkommen (IPPC) der Food and Agriculture Organisation der Vereinten Nationen (FAO) in Artikel 1: „Um ein gemeinsames und wirkungsvolles Vorgehen gegen die Verbreitung und Einschleppung von Schadorganismen der Pflanzen und Pflanzenerzeugnisse sicherzustellen und die Einführung geeigneter Bekämpfungsmaßnahmen zu fördern, verpflichten sich die Vertragsparteien, die gesetzgeberischen, technischen und Verwaltungsmaßnahmen zu treffen, die in diesem Übereinkommen […] näher bezeichnet sind.“ (Bundesgesetzblatt, 2004)

Schon hier wird der breite Bogen deutlich, den die Pflanzengesundheit umfasst. Die aufgezeigten Entwicklungen haben dieser Disziplin und dem dazugehörigen rechtlichen Regelwerk in den vergangenen Jahrzehnten ein immer größeres Gewicht verliehen.

Das Jahr 2020 ist für die Pflanzengesundheit weltweit aber auch speziell in der EU ein besonderes. Nach jahrelangen Vorarbeiten, in die das Bundesministerium für Ernäh­rung und Landwirtschaft und das Institut für natio­nale und internationale Angelegenheiten der Pflanzen­gesundheit intensiv mit eingebunden waren, ist im Dezem­ber letzten Jahres die neue Pflanzengesundheitsgesetzgebung der EU in Kraft getreten. Das aktuelle Jahr ist damit das erste, in dem sich dieses komplexe Regelwerk bewähren muss. Gleichzeitig haben die Vereinten Nationen das Jahr 2020 der Pflanzengesundheit gewidmet. Beides zusammen ist Grund genug ein spezielles Themenheft zum Internationalen Jahr der Pflanzengesundheit herauszugeben.

Die Vereinten Nationen rufen internationale Jahre aus, um eine breite Aufmerksamkeit auf wichtige Themen zu lenken. Das Jahr 2020 – als „Internationales Jahr der Pflanzengesundheit“ (International Year of Plant Health, IYPH) – soll in diesem Sinne, die Belange der Pflanzengesundheit weltweit in den Fokus des öffentlichen Interesses rücken. Die Kampagne läuft dabei unter dem Motto „Protecting Plants, Protecting Life“, weil 80 % unserer Nahrung und 98 % des Sauerstoffs, den wir atmen, auf Pflanzen zurückgeht. Daher kann Pflanzengesundheit einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung von Hunger und Armut, zum Schutz der Umwelt und zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung leisten. Die wichtigsten Kernbotschaften der Vereinten Nationen sind im Hinblick auf das IYPH:

die Gesundheit der Pflanzen ist zu erhalten, um Hunger zu vermeiden und eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen,

Vorsicht ist angezeigt, wenn Pflanzen oder Pflanzenprodukte über Grenzen gebracht werden,

beim Handel mit Pflanzen und Pflanzenprodukten sind die internationalen Pflanzengesundheits-Standards einzuhalten,

Pflanzen sind gesund zu erhalten – dadurch wird gleichzeitig die Umwelt geschützt, weil Schadorganismen eine der Hauptursachen für den Verlust der biologischen Vielfalt sind,

Investitionen in die Pflanzengesundheit sollten gefördert werden, um die Leistungsfähigkeit, Forschung und Öffentlichkeitsarbeit in diesem Bereich voranzubringen,

Überwachungs- und Frühwarnsysteme sollten zum Schutz von Pflanzen und Pflanzengesundheit gestärkt werden.

In vielen Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen wurden und werden kreative Initiativen gestartet und darüber hinaus ist – aufgrund von COVID 19 ins Jahr 2021 verschoben – eine große internationale Pflanzengesundheitskonferenz in Helsinki geplant. Das Institut für nationale und internationale Angelegenheiten der Pflanzengesundheit im JKI hat die Thematik in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Referat im Bundesministerium für Ernäh­rung und Landwirtschaft auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin, der Internationalen Pflanzenmesse in Essen und bei diversen anderen Terminen präsentiert. Darüber hinaus wurde umfangreiches Informationsmaterial erstellt, das online (www.pflanzengesundheit.julius-kuehn.de) und als gedruckte Version abrufbar ist. Auch das vorliegende Themenheft hat zum Ziel, das Bewusstsein für die Belange der Pflanzengesundheit zu stärken und dabei gleichzeitig einen Einblick in ihre vielfältigen Arbeitsfelder zu geben.

Die Bedeutung des Begriffs „Pflanzengesundheit“ definiert sich als Befallsfreiheit von Pflanzen, Pflanzenbeständen und –produkten von bestimmten Schadorganismen, die durch Pflanzenquarantäne- und Qualitätsmaßnahmen erzielt wird (Aust et al., 2005). Pflanzengesundheitliche Maßnahmen sollen die Ein- und Verschlep­pungen von Schadorganismen von Pflanzen verhindern, sowie durch hochwertiges Pflanzmaterial zu einer gesunden und wirtschaftlichen Pflanzenproduktion beitragen. Vielfach wird übersehen, dass pflanzengesundheitliche Maßnahmen damit ein wichtiges Instrument des Inte­grierten Pflanzenschutzes sind, da sie dazu beitragen, die Schadenswahrscheinlichkeit zu senken.

Im vorliegenden Themenheft wird die Spannbreite der Arbeitsfelder der Pflanzengesundheit deutlich. Die ersten Beiträge dieses Heftes beschäftigen sich mit dem neuen Rechtsrahmen, in dem sich diese Disziplin bewegt. Dabei wird eine prägnante Übersicht über wichtige Regelungen gegeben. Dazu gehören Informationen zu Ein- und Ausfuhr, Unionsregeregelte Nicht-Quarantäneschädlinge, Risikoanalysen, das pflanzengesundheitliche Frühwarnsystem, Marktöffnungsverfahren für den Export und Erhebungen zum Auftreten von Schadorganismen bis hin zum Regelbedarf von invasiven Pflanzen. Die Disziplin der Pflanzengesundheit ist auf intensive Begleit­forschung aus den unterschiedlichsten Bereichen angewiesen und damit auch immer ein interessanter Partner für Forschungszusammenarbeit innerhalb und außerhalb des JKI. Nur so ist zu gewährleisten, dass sich die Pflanzengesundheit weiterentwickelt und innovative Methoden bei der Umsetzung pflanzengesundheitlicher Maßnahmen zum Einsatz kommen. Mit dem Forschungsnetzwerk EUPHRESCO ist dafür eine interessante Plattform für Vernetzung geschaffen worden, die in einem geson­derten Beitrag vorgestellt wird. Ein Artikel zum „nationalen Referenzlaboratorium für Schadorganismen der Pflanzen“ zeigt, wie wertvoll die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen JKI-Fachinstituten in der Disziplin der Pflanzengesundheit ist. Praktische Beispiele für aktuelle Forschung sind Projekte zur Modellierung klimasensitiver Schadorganismen und zur Bekämpfung von Kartoffelzystennematoden und –krebs, denen Beiträge gewidmet wurden. Ein Beitrag zur Entwicklung der Diagnose holzzerstörender Insekten wurde aus Kapazitätsgründen in den nächste Ausgabe des Journals für Kulturpflanzen verlagert. Mit dem Japankäfer (Popillia japo­nica) wird ein Prioritärer Schädling vorgestellt, dessen Einschleppung und Verbreitung in Deutschland in den nächsten Jahren möglich erscheint. Den Abschluss des Themenheftes bildet ein Beitrag zum Monitoring zum Vorkommen von Tilletia controversa.

Allen Autoren an dieser Stelle herzlichen Dank für ihre Mitwirkung, den Lesern erkenntnisreiche Einblicke in eine Disziplin der Phytomedizin, die in ganz besonderer Weise im internationalen Fokus steht.

Literatur

Aust, H.J, H. Bochow, H. Bucnenauer, U. Burth, E. Maiß, P. Niemann, R. Petzold, H.-M. Poehling, F. Schönbeck, K. Stenzel, G. Schrader, 2005: Glossar Phytomedizinischer Begriffe, 3. ergänzte Auflage, Schriftenreihe der Deutschen Phytomedizinschen Gesellschaft, Bd. 3.

Bundesgesetzblatt, 2004: Internationales Pflanzenschutzübereinkommen (von der FAO-Konferenz während ihrer 29. Sitzung im November 1997 angenommene neue überarbeitete Fassung), https://pflanzengesundheit.julius-kuehn.de/dokumente/upload/2b71c_gesetz-ippc-uebereinkommen_de.pdf (Abrufdatum 19.06.2020).


Fußnoten:

*  

Diese Parallelen zur COVID 19 Pandemie wurden von Dr. Matthias Becker, JKI, Institut für nationale und internationale Angelegenheiten der Pflanzengesundheit aufgedeckt.

ISSN (elektronisch): 1867-0938
ISSN (print): 1867-0911
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Schriftleitung
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E-Mail: journal-kulturpflanzen@julius-kuehn.de
Co-Schriftleitung
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Co-Schriftleitung Pflanzenbauwissenschaften
Prof.-Dr. Hans-Peter Kaul
Universität für Bodenkultur Wien
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